Neuigkeiten aus Ruanda- Camillas erster Reisebericht August 2010
Bericht vom 17.8. – 21.08.2010
Seit meinem ersten Aufenthalt in Ruanda, bzw. In Kirinda waren inzwischen gut eineinhalb Jahre vergangen als ich mich am 9. August wieder auf den Weg nach Ruanda machte. Voller Vorfreude auf Kirinda und all die neuen Veraenderungen, die mich dort erwarten wuerden.
Am 10.8 schliesslich kam ich in Kigali am Flughafen an. Es gab einen wirklich schoenen Empfang von Liane und Hannes, sowie der Familie, wo ich waehrend der Zeit, die ich in Kigali verbringe wieder wohnen werde: Antoinette, Rosine, Diane. Ausserdem war noch der Vereinskoordinator Evode, sowie ein gute Freund von mir aus Kirinda, Afrodis. Nach der naechtlichen Fahrt durch die noch heftig von Leuten wuselnde ruandische Hauptstadt, in der es ja um 18.15 Uhr schon dunkel ist, fiel ich nach einem wunderbaren Essen bei Liane und Hannes ins Bett.
Die ersten Tage verbrachte ich dann in Kigali, zunaechst zog ich mit Sack und Pack nach Nyamirambo, zu Antoinette, Felicien und ihren Kindern Rosine, Diane, Odasse und David. Dann standen allerlei Besuche an, darunter auch einige bei ehemaligen Schuelern der IPK (= Institut Presbyterienne du Kirinda, der Sekundarschule in Kirinda), die inzwischen in Kigali leben. Auch besuchte ich die Jungs, denen ich bei meinem letzten Aufenthalt in Ruanda Englischunterricht gegeben hatte. Sie sind ehemalige Strassenkinder, die nun von einem ruandischen Strassenkinderzentrum die Schulgebuehren und die Unterkunft finanziert bekommen. Fuenf von ihnen gehen nun sogar auf die Sekundarschule. Wir begannen direkt mit dem Englischunterricht und auch mit einem gemeinsamen Fussballspiel. Die kommenden zwei Monate werde ich jeweils an den Wochenenden die Jungs unterrichten und die Woche in Kirinda verbringen.
Am Sonntag war es dann auch schon soweit, es hiess frueh morgens aufstehen und in den Bus nach Kirinda steigen. Am Busbahnhof herrschte das mir schon vertraute uebliche Chaos. Ueberall hupten Minibusse, es lief laute Musik und man musste sich zwischen Traegern, die Saecke mit Kartoffeln auf dem Kopf trugen und Motorradtaxis hindurch quetschen um den richtigen Bus zu finden. In dem Gewuehl traf ich doch tatsaechlich nochmal vier der Jungs aus dem Strassenkinderzentrum, die sich nun nach dem Ende der Schulferien auf den Weg in die Sekundarschule machten. Wir verabschiedeten uns nochmal, einige von ihnen werde ich aber nochmal in ihrer Schule besuchen, da diese auf dem Weg nach Kirinda liegt. In der Zwischenzeit hatten sich bereits einige Busfahrer um mich gescharrt um mir den Bus nach Kirinda zu zeigen. Der grosse Bus, der staatlichen Firma ONATRACOM, fuhr an diesem Tag nicht, sodass ich mich fuer einen Minibus entscheiden musste. Die Fahrt ging im Nu vorbei und ehe ich mich versah waren wir nach nur knapp drei Stunden schon in Kirinda angekommen. Dort gab es dann ein grosses Wiedersehen mit Clementine, der Frau der Direktors der IPK, bei denen ich dort wie auch im vergangenen Jahr wieder wohnen werde, und ihrem Sohn Winner. Er wurde im Oktober 2008 geboren, als Laila und ich in Ruanda waren und ist inzwischen knapp zwei Jahre alt. Wir haben uns sofort angefreundet. Nach der Begruessung ging es dann schnurstracks zur Kirche. Kirinda ist ja eine von der Presbiterianischen Kirche dominierte Region. Die letzten drei Tage hatte hier die EPR (= die Presbiterianische Kirche in Ruanda) ein Seminar organisiert, in dem 4 verschiedene Gemeinden zusammengekommen waren um zu beten. Der Gottesdienst fand draussen statt, da all’ die Menschen gar nicht in die Kirche passten. Es war alles schoen dekoriert und die Stimmung war froehlich.
Aus diesem Grund, und weil ich so viele vertraute Gesichter wiedersah, gingen die 5 Stunden, die der Gottesdienst dauerte im Nu vorbei. Nach der Kirche wurde gemeinsam gegessen und abends gab es eine kleine Ueberraschungsparty. Charles, der Direktor der IPK und sozusagen mein Gastvater in Kirinda hatte an dem Tag Geburtstag. Diese Tatsache hatte er selbst allerdings vergessen. In Ruanda wissen viele noch nicht einmal an welchen Datum sie geboren sind, Geburtstage werden also sehr selten so wie bei uns gefeiert. Clementine, seine Frau, hatte sich aber daran erinnert und ganz viele Freunde und Verwandte eingeladen, die sich alle verstecken mussten. Als Charles nach Hause kam, musste ich ihn nach einem Englischwoerterbuch fragen, das sich in seinem und Clementine’s Schlafzimmer befand. Dort hatten alle Gaeste Geschenke hingelegt und das Zimmer dekoriert. Als er dann aus seinem Zimmer kam, standen wir alle mit Kerzen im Wohnzimmer und sangen Geburtstagslieder. Es war wirklich ein toller erster Abend, bei gutem Essen, schoener Musik und einer froehlichen Stimmung sassen wir noch bis um halb 1 nachts zusammen.
Am naechsten Tag besuchte ich die Projekte des Vereins in Kirinda und natuerlich viele der Freunde, die ich in Kirinda beim letzten Mal gewonnen hatte. Zunaechst ging ich mit dem Pastor der Region zum Schulgarten. Das neue Schulgartenprojekt, das Liane ja gemeinsam mit der ruandischen NGO -SGI_(Schoolgardeniniative) in die Wege geleitet hat, hat mich wirklich beeindruckt. So weit das Auge reicht, zogen sich die verschiedenen Felder mit verschiedenen Gemuesen (Tomaten, Bananen, Kohl, Zwiebeln), Obst und Kartoffeln. Das Gemuese wird nun teilweise in der IPK Kantine von den Schuelern gegessen, um die Ernaehrung, die vorwiegend aus Kohlenhydraten besteht, zu verbessern, zum anderen Teil wird das Gemuese direkt auf dem Feld verkauft. Regelmaessig kommen die Gruender der SGI Schoolgardeniniative nach Kirinda, um den Schuelern im Anbau von Gemuese Unterricht zu geben. Das so erworbene Wissen koennen die Schueler dann in den Ferien, wenn sie bei ihren Familien wohnen, anwenden und dort auch aehnliche Gaerten anlegen. Also wirklich ein voller Erfolg.
Nach dem Besuch des Schulgartens ging es zu den Naeherinnen. Leider reichte mein Kinyarwanda nur fuer kleine Konversationen aus, sodass ich lediglich erfuhr, dass gerade neue Schuluniformen genaeht wurden. Ich verbrachte ein bisschen Zeit mit den Schuelern und sie zeigten mir auch die neue, vom Verein gespendete Maschine, mit der man Faeden ganz schnell aufziehen kann. Den Nachmittag zog ich dann von Haus zu Haus, trank Tee mit Essidrassi, dem Koch der Gemeinde, besuchte Fidelie, eine Religionslehrerin an der IPK und Clementine, eine der Leiterinnen des Naehklubs. Am Abend besuchten wir dann die neue Gerante der IPK, sie war am selben Tag mit ihrem Neugeborenen nach Hause gekommen. Das zwei Tage alte Maedchen wurde von allen bestaunt und es wurde mit Cola und Fanta auf die Geburt angestossen. Am darauffolgenden Tag besuchte ich mit Fidelie den Markt in Shyembe, dem quirligen Zentrum auf dem Berg direkt bei Kirinda. Es war wie immer an Markttagen sehr viel los. Ich stattete dann noch einer Freundin im Krankenhaus einen Besuch ab, und war erstaunt auch dort viele Veraenderungen, neue Gebaude etc. zu sehen.
Was ich wirklich toll hier in Ruanda finde, ist die Offenheit der Menschen. Man bleibt staendig stehen, unterhält sich und lacht viel. So dauerte es von dem Zeitpunkt an dem Fidelie und ich beschlossen hatten nach Hause zu gehen, noch knapp eineinhalb Stunden bis wir tatsaechlich auf dem Weg waren. Man trifft hier noch jemanden und dann spricht einen da einer an, 10 Meter weiter gibt es dann unglaublich gut riechendes Brot und man riecht, fuehlt und verhandelt, um es dann schliesslich zu einem guten Preis noch mitzunehmen.
Der Abend klang dann gemuetlich bei Charles und Clementine mit ein paar Bekannten, die zu Besuch gekommen waren, aus. Auch bei Charles und Clementine herrscht immer Hochbetrieb. Bei Ihnen wohnen noch zwei Schwestern von Clementine, eine Nichte von Charles, sowie ein Maedchen, Jane, die sich um die Kueche kuemmert und ein weiteres Maedel, Petite, die sich um Winner, den Sohn von Charles und Clementine kuemmert. Praktisch jeden Abend sind zusaetzlich noch weitere Besucher da. Diese Selbstverstaendlichkeit sich gegenseitig zu besuchen ist auch etwas wirklich schoenes in Ruanda, es ist kein Anruf vorher noetig, man schaut einfach vorbei. Wenn zufaellig grad gegessen wird, werden die Gaeste selbstverstaendlich zu Tisch gebeten und das Essen wird geteilt, egal wie fern die Verbindung zu den Ankoemmlingen ist.
21.8. 2010
Inzwischen bin ich wieder zurueck aus Kirinda. Gestern mittag bin ich nach einer 5 stuendigen Busfahrt in Kigali in Nyabugogo angekommen. Auch die Busfahrt zeigte wieder wie offen und flexibel die Ruander sind. Der Bus war wieder einmal voellig ueberfuellt, die staatlichen Busse der Gesellschaft ONATRACOM, fahren zweimal taeglich die Strecke von Kirinda nach Kigali und nehmen so alle mit, die sich an den Wegesrand stellen, selbst wenn man sie stapeln muss. Doch dies drueckte die Stimmung nicht, im Gegenteil bei jedem Hubbel und jedem Stein ueber den der Bus donnerte wurde laut gejubelt, gesungen und geklatscht. Musste jemand zum Klo, so hielt der Busfahrer an und wartete Geduldig bis derjenige wiederkam. Als wir in Buhanda, einem Ort kurz hinter Kirinda, losfahren wollten, gab es von hinten grosses Geschrei. Ein Mann war an der Haltestelle ausgestiegen um seiner Familie Hallo zu sagen und hatte seinen Rucksack stehen lassen. Der Busfahrer hielt also an, der Mann wurde angerufen und fuenf Minuten spaeter kam er angerannt, so flexibel ist wohl kein Zug der deutschen Bahn: )
Die Tage in Kirinda vergingen wie im Nu, sodass ich wirklich wehmuetig war, am Freitagmorgen zu fahren. Allerdings gab es noch nicht so wirklich viel zu tun, da die Schule gerade erst wieder begonnen hatte und die Schueler nur so troepfchenweise eintrafen und dann zunaechst damit beschaeftigt waren ihr Schuldgeld zu zahlen.
Aus meinem letzten Aufenthalt in Ruanda habe ich gelernt, dass man sich nicht allzu ambitionierte Ziele setzen sollte. So habe ich mir fuer meinen zweimonatigen Aufenthalt hier an messbaren Erfolgen zwei Ziele gesetzt: Zum einen moechte ich gerne das Internet in Kirinda wieder zum Laufen bringen. Seitdem ich es im letzten Januar erfolgreich Installiert hatte, war nach einer anfaenglich erfolgreichen Phase, eine Flaute gekommen, der Router funktioniert nicht mehr und somit auch das Internet fuer die Schueler nicht. Mein anderes Ziel ist es Englischkurse an der IPK zu geben, moeglichst bald damit anzufangen und dann mit Elena, wenn sie im September kommt, weiterzumachen. Einen Englischklub gibt es schon an der IPK, er wird vom einzigen Englischlehrer der Schule, Boniface, geleitet. Das Treffen dort war eher enttaeuschend, da es nur darum ging, den Schuelern einzublauen, dass sie die Besten sein muessten, den anderen Schuelern beweisen muessten, dass in den Englischclub nur die Besten aufgenommen wuerden etc. Am Ende habe ich dann vorgeschlagen, auch einen Englischklub fuer die schwaecheren Schueler, und nicht nur einen fuer die Besten, zu gruenden, um auch ihnen zu helfen. Was wirklich gut ist, ist dass wir viele Leute sein werden, die den Klub unterstuetzen koenne, so bin ich noch bis Oktober da, im September kommt dann Elena, ausserdem gibt es noch den Sohn von einem Freund von Liane aus Kigali, der bevor er im Januar sein Englischstudium beginnt, gerne Englisch unterrichten moechte. Diese Tatsache ist glaube ich wirklich gut um intensiv mit den Schuelern zu arbeiten , viel zu sprechen und noch mehr Schuelern die Moeglichkeit zu geben, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern.
Ausserdem habe ich drei Englischklassen von Boniface uebernommen und werde mit den Schuelern Grammatik und Debating machen. Zwei Unterrichtsstunden hatte ich schon und es lief wirklich ganz gut. Lehrersein macht auch Spass, obwohl ich glaube, dass es in Deutschland noch einmal etwas ganz anderes ist. Ich habe das Gefuehl, dass die Schueler hier wirklich ihre Chance die ihnen die Schulbildung ermoeglicht, begreifen und ergreifen, sie lernen um gute Noten zu bekommen, um spaeter vielleicht einen guten Job zu bekommen oder ein Stipendium fuer die Uni zu kriegen. So macht es wirklich richtig Spass zu unterrichten, weil immer mindestens die Haelfte der Klasse auch wirklich bei der Sache ist.
Das Wochenende werde ich in Kigali verbringen. Gestern und heute unterrichtete ich die Jungs und morgen besuche ich sie wieder zuhause, da einer von ihnen 16 Jahre wird. Die Jungs gehoeren zu der Generation in Ruanda die ihren Geburtstag haeufiger kennt und auch gern feiert. Omar, so heisst er, hat allerdings keine Eltern mehr, wie viele von den Jungs und auch kein Geld um eine grosse Feier zu veranstalten. Ich glaub wir werden einfach nett zusammensitzen, vielleicht Fanta trinken. Ich hab ihm ein Kartenspiel besorgt, beim letzten Mal hatten die Jungs mir ganz viele verschiedene ruandische Kartenspiele beigebracht, allerdings wurde ihnen das Kartenspiel gestohlen, sodass sie jetzt eigentlich nichts mehr zum Zeitvertreiben haben.
Am Montag widme ich mich dann einem meiner Ziele naemlich dem Internet fuer Kirinda. Ich muss zusammen mit Evode zu Rwandatel fahren um dort Druck zu machen, dass noch einmal ein Mitarbeiter der Firma nach Kirinda faehrt, um alles wieder zum Laufen zu bringen. Am Dienstag kommt dann meine Schwester fuer zwei Wochen zu Besuch, auch sie wird mit nach Kirinda kommen, die Projekte besuchen, wahrscheinlich auch ein paar Englischkurse geben.
Ansonsten freue ich mich auf die naechsten 7 Wochen hier im wunderschoenen Ruanda, das mir scheinbar von mal zu mal mehr zu gefallen scheint. Ich denke mit den Englischkursen und auch mit dem Internet wird sich alles irgendwie loesen, meist ist der Schluessel eigentlich nur, sich in Geduld zu ueben, oder wie der Ruander sagen wuerde, Schritt fuer Schritt voran zu gehen:”Buhoro, Buhoro”
In diesem Sinne die besten Gruesse aus dem Land der tausend Huegel, der tausend Gelben bunten Wasserkanister, der tausend Grundschueler, die barfuss in blauen und braunen Schuluniformen auf den Huegeln Kirindas entlang rennen und der tausend Gruentoene, die sich die Huegel entlang ziehen.
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